Patinagrün, Taubenblau und Verkehrsweiß – Unser Jahresrückblick 2018

Rico ist sauer. Er hat‘s vergeigt. Gleich beim ersten Mal. Und das sieht man ihm an. Sein Gesicht färbt sich Richtung Rote Bete. Kurz hält er inne, verlagert das Standbein auf links und tritt mit der festen Profilsohle seines rechten Bauarbeiterschutzstiefels gegen die eben fertiggestellte Wand. Der Speiß spritzt, die alten und neuen Ziegel purzeln ins Innere der Veranda. Die Mauer muss weg. Und das ist sie jetzt auch. Niemand grinst oder lacht. Die neun jungen Männer seiner Berufsschulklasse aus dem Oberstufenzentrum für Bautechnik säubern oder schneiden weiter ihre Ziegel, rühren Mörtel an und fachen aus.

 

Sie sind auf Klassenfahrt. Es war ihre Idee, nach Welzin und auf den Gutshof von Actiontouren zu fahren, um das alte Holzständerfachwerk der Veranda des Gutshauses neu auszufachen. Mal was Richtiges schaffen – nach alter Handwerkskunst. Nicht Ytong auf Ytong schichten oder Fertigbausätze zusammenkleben. Na klar, sie hätten jetzt auch eine Fahrradtour machen oder chillen, wichtige Architekturen besichtigen oder Sport machen können und so Zeug. Nö, lieber ranklotzen, restaurieren, stolz sein auf das Erreichte. Sich identifizieren mit einem alten Gemäuer, ihm neues Leben einhauchen, dazu beitragen, dass in diesem Hause bald schon Menschen miteinander eine richtig gute Zeit verbringen werden, so wie sie jetzt schon in den farbigen Wohnwägen auf der großen Wiese hinter dem Gutshaus.

 

Bei dem Wort „intergenerativ“ hätten mich die jungen Bauhandwerker vielleicht fragend angeschaut; doch als ich ihnen erzähle, dass hier Kinder, Jugendlichen, junge Erwachsene, Familien und Senioren zusammen leben werden, ernten und kochen, Beete anlegen und Betten schreinern, voneinander und miteinander nachhaltig leben lernen, nicken sie zustimmend. Schon irgendwie gut, ein Teil davon zu sein.

 

Rico ist einmal ums Haus gelaufen, hat eine Zigarette geraucht und nachgedacht. Er weiß es ja besser: Zum Schichtmaß gehören die untere Mörtelschicht und der Stein darüber. Die Mörtelschicht darf nicht unter sechs Millimeter dick sein, sonst könnten kleinere Steine im Speiß die Verbindung der Lagen beeinträchtigen, und sie darf nicht mehr als zwölf Millimeter betragen, das sähe sonst nicht aus. Du musst also die Höhe der Mauer wissen und dann ausrechnen, wie viele Schichten übereinander passen. Und – Achtung! – oben angekommen, muss noch eine Lage Mörtel rauf. Und genau die hat er vergessen. Steine halbieren geht gegen die Maurerehre. Also raus mit der Wand und von vorne beginnen. Schon hat er die Kelle in der Hand. Abends beim Bierchen am Lagerfeuer lacht Rico schon wieder. Beim zweiten Anlauf steht das Teil – sein ureigener Anteil am schönsten Bauabschnittes des Gutshauses – der Veranda!

 

Die Veranda Vorderfront Mitte, ein einladender Vorbau mit stilvoller Flügeltür, strahlenden Fenstern und eigener Dachgaube ist das markanteste und anmutigste Gliederungsmerkmal der stattlichen, 37 Meter langen Fassade.

 

Nachdem 2018 mit europäischen Fördermitteln und mit Ihrer Hilfe – also der Hilfe all derer, die den Verein Actiontouren unterstützen – die ersten großen Bauabschnitte abgeschlossen werden konnten – die Außenmauern und der Dachstuhl sind stabil, neue Fenster sind eingesetzt und das Dach ist gedeckt – können nun auch ästhetische Fragen denkmalgerecht gestellt und beantwortet werden. Mit Hilfe alter Lackfarbrückstände an Türen und Fensterrahmen und dem Vergleich mit professionellen Farbmusterpaletten bedeutet dies nun für die Veranda: Patinagrün für Einfassungen und Rahmen der Fenster, Taubenblau für Einfassung und Rahmen der Tür und Verkehrsweiß (RAL 9016) für ihre noch verbleibenden Flächenanteile.

 

All das ist weit mehr als ein neuer Anstrich! Hier wird geforscht und diskutiert, um die richtigen Lösungen gerungen und ganze Arbeit geleistet. Der nächste Förderantrag ist bereits gestellt. 2019 werden die Bauarbeiten für Küche und Bäder, Heizung und Haustechnik beginnen – ökologisch und ökonomisch verantwortlich. Und immer mit Blick auf diejenigen, für die dieses Haus gedacht ist. Sie wissen schon: Kinder, Jugendliche…

 

Und in der Zwischenzeit – immer „nur“ Bau? Nein, längst nicht! Neue Programme für unsere pädagogische Arbeit sind geplant und finden 2019 neben den bewährten Bauwochen und Kanutouren, Familienfreizeiten und Klassenfahrten statt. Erstmals werden wir mit Initiativen vor Ort einen Kultursommer in Welzin vorbereiten und mitgestalten. Große und kleine Bands und Kulturschaffende werden auftreten, es wird Filmvorführungen und klassische Musik geben. Und im Rahmen des intergenerativen Förderprojekts „Kultur macht stark“ werden viele kleine und individuelle Geschichten aus Welzin „Welziner Dorfgeschichte“ schreiben.

 

Die Arbeit unseres Vereins verändert sich und bleibt sich und ihren Klienteln treu. Aus unseren erlebnispädagogischen Fahrten mit Kindern und dem Kontakt zu ihren Eltern entstehen neue Angebote für mittlerweile längst ins Jugendalter hineingewachsene und daraus heraus erwachsene Teilnehmende. Wir sind in die Arbeit mit Geflüchteten eingestiegen. Wir arbeiten mit sozialen Initiativen und mit Berufsschulen zusammen. Menschen im Ruhestand, die mit ihren handwerklichen und sozialen Kompetenzen zum Gelingen der Angebote beitragen möchten, sind uns herzlich willkommen. Wir denken nicht ausschließlich in Alterskohorten, sondern, genau, intergenerativ und – wo möglich – inklusiv. Das Erdgeschoss des Gutshauses wird nach seiner Wiederherstellung barrierefrei sein.

 

Es macht Spaß, Ihnen das alles zu schreiben und Ihnen für all das zu danken. Unterstützen Sie uns bitte weiterhin. Besuchen Sie uns. Setzen Sie sich zu Rico ans Lagerfeuer und lassen Sie sich erzählen, wie es geht. Werben Sie von Mund zu Mund für die Angebote unseres Vereins. Bleiben Sie uns auch 2019 gewogen und Gott befohlen.